Ghost of Yōtei – Review
26. Oktober 2025 14:02
In GoY verfolgen wir die Rachegeschichte von Atsu, einer jungen Frau, deren Familie im Vorfeld des Spiels von den sog. „Yōtei Six” ermordet worden ist und nach den Wehen der Sengoku-Periode zurück in ihre Heimat Ezo, dem heutigen Hokkaido, reist, um sich an den Mördern ihrer Familie zu rächen.
Das historische Setting selbst ist – anders als im Vorgänger Tsushima – leider nebensächlich. Es gibt zwar einen territorialen Konflikt zwischen dem Clan Saito (den Antagonisten des Spiels) und dem Clan Matsumae; man wird jedoch nie Teil einer der großen Massenschlachten, für die die Ära bekannt ist. Das Spiel bietet leider auch keine größeren Städte, die man bspw. in Assassin’s Creed Shadows („ACS“) oder Rise of the Ronin („RotR“) findet. Das historische Setting fühlt sich so eher als Entschuldigung an, Schusswaffen in das Spiel einzubauen.
Der Hauptcharakter Atsu wirkt leider flach und schwach geschrieben. Wir erfahren zwar durch einige kurze Flashbacks Stücke aus ihrer Kindheit. Das reicht m.E. aber nicht aus, um den Charakter auszuarbeiten. Ich hätte mir gerade im Sinne des Gameplays auch gewünscht, dass man zumindest den Prolog zum Spiel im japanischen Hauptland verbringt, um Atsus kampfkünstlerischen Werdegang zu erleben. Atsu wirkt so leider – anders als Jin in Tsushima – wie eine Mary Sue, denn das Skillset zu Anfang des Spiels reicht locker aus, um das Spiel auf dem normalen Schwierigkeitsgrad abzuschließen. Bedauerlich ist auch die umstrittene Wahl der VA, durch die sich GoY viel negative PR hätte ersparen können. Erika Ishii liefert leider einen schlechten Job als VA ab, weshalb es quasi verpflichtend ist, das Spiel mit japanischer Synchronisation zu spielen. Auch ihre Wahl als Face Model ist m.E. unglücklich, da Atsu keine „protagonist energy“ verströmt.
Die Story ist m.E. der schwächste Teil des Spiels. IGN hatte sich bereits in einem Artikel darüber beschwert, dass jede Playstation-Spiel dieselbe Story erzähle. Atsus Rachegeschichte hat zumindest mich während des Playthroughs eher kalt gelassen und auch die vermeintlichen (moralischen) Konflikte, die das Spiel aufzubauen versucht, sind tatsächlich keine. Wir betreten Spoiler-Territory:
Spoiler
Spoiler:
GoY versucht, moralische Konflikte aufzubauen, wo tatsächlich keine sind:
- Zum einen trifft Atsu im Verlauf der Story ihren totgeglaubten Bruder Jubei wieder, der ein ranghoher Samurai des Clans Matsumae geworden ist und der mit dem Konflikt, einerseits seinen Clan und anderseits die Rache seiner Schwester zu unterstützen, hadert. Im Verlauf der Story treffen wir auch Jubeis Tochter Kiku. Das Spiel versucht hierbei einen moralischen Konflikt in Form einer Wahl zwischen Rache und Familie aufzubauen, scheitert hierbei aber kläglich. Die Yōtei Six sind die Antagonisten des Spiels und darüber hinaus auch die Feinde des Clans Matsumae, dem Jubei und Kiku angehören. Eine Wahl zwischen Familie und Rache besteht also faktisch nicht, da die Yōtei Six ohnehin bezwungen werden müssen.
- Zum anderen stellt sich heraus, dass einer der Companion Characters, eine Frau namens Oyuki, der frühere „Kitsune“ – also einer der Mitglieder der Yōtei Six – war. Das Problem ist, dass Oyuki Atsu gegenüber nie antagonistisch eingestellt war und in dem Kindheitsflashback sogar passiv versucht hat, zu unterstützen. Oyuki war also zu keinem Zeitpunkt der Story bösartig, so dass kein authentischer moralischer Konflikt dahingehend entsteht, dass man sie für ihre vergangene Boshaftigkeit rächen will.
Schließlich sorgt das Ende des Spiels für einen krassen Immersionsbruch: Atsu, Jubei und Oyuki reiten zu Atsus Kindheitsheim, um Kiku vor Saito zu retten. Das Spiel führt hier eine gescriptete Niederlage gegen Saito ein, die dazu führt, dass Jubei beim Verteidigen von Atsu stirbt. So einen Gameplay-Stunt kann man – ähnlich wie bei Tsushima – am Anfang eines Spiels bringen, an dem der Spielcharakter noch schwach ist – und ausdrücklich (!!!) nicht am Ende eines Spiels, an dem der Spielcharakter stark ist und den Gegner mit relativer Leichtigkeit vernichtet hat. Das hat so nur zu einer extrem unauthentischen Tragödie geführt, bei der man eher lachen als weinen muss. Bizarr ist auch, dass Atsu und Oyuki fortan als Eltern von Kiku herhalten. In welchem Sony-Spiel haben wir das schon einmal gesehen?
2. Gameplay und Spielwelt
Das Gameplay besteht hauptsächlich aus Combat und dem Open-World-Anteil des Spiels. Stealth existiert zwar und ist ein effektives Gameplay-Mittel, fühlt sich aber eher wie ein Nachgedanke an. Combat ist einerseits als Freeflow mit Dodge, Parry und Block gestaltet und bietet andererseits diverse Waffen, um ein Stein-Schere-Papier-System zu schaffen. Das funktioniert in der Regel bei wenigen Gegnern ganz gut, das Targetting-System bricht aber bei zu vielen Gegnern und wechselt dann gern einmal auf Gegner, die man nicht angreifen möchte. Grundsätzlich ist es zwar cool, verschiedene Waffen zu haben. Es wirkt jedoch ein wenig simplistischer als das Stance-System in Tsushima. Ich hätte mir gewünscht, dass GoY hier einen Mix aus verschiedenen Waffen und Stances bringt, so wie es RotR gemacht hat. Das Spiel wirkt insgesamt einfacher als Tsushima – insbesondere auch, wenn man Geduld hat und das Parry-System ausnutzt, dank dem das vorgenannte Stein-Schere-Papier-System obsolet wird.
Stealth fühlt sich, wie bereits beschrieben, wie ein Nachgedanke an. Stealth ist zwar effektiv und es gibt One-Shot- und vor Allem auch Chain-Assassinations, die sich extrem gut anfühlen, ist Stealth abseits von Stealth-Missionen nie notwendig und bietet im Vergleich zu Tsushima auch keine Verbesserungen. Selbst ACS hat im Stealth-Bereich mehr zu bieten als GoY – seien es die Gameplaymittel oder der Stealth-Schwierigkeitsgrad, in dem die Gegner auch in 3D und nicht nur – wie in GoY – in 2D „denken“.
Ansonsten besteht GoY aus dem üblichen Open-World-Elementen: Side-Quests, sammelbare Items und Character-Upgrades, Bounty-Hunting, Überfälle, Exploration, etc. pp. Die Spielwelt – erst recht der erste Abschnitt – kann sich hierbei durchaus zu groß und „bloated“ anfühlen; zumindest ich habe Abschnitte während des Spielens erlebt, in denen meine Lust aufgrund des Open-World-Bloats stark nachgelassen hat. Auch, wenn die Spielwelt durchaus sehr schön gestaltet ist, fühlt sie sich für mich allerdings so an, als ob man in GoY (zumindest in Teilen der Spielwelt) mehr Augenmerk auf Fotorealismus als Artstyle gelegt hat (gerade in den Kitsune- und Oni-Abschnitten hätte man stilistisch deutlich mehr machen können). Das ist gerade bei Nacht ein wenig fragwürdig, weil „dunkel“ wirklich „dunkel“ heißt und man mitunter gerade in Platforming-Abschnitten fast schon zu wenig sieht. Gerade die Platforming-Abschnitte können immersionsbrechend wirken, weil Platforming sonst kaum eine Rolle spielt und daher unnatürlich wirken kann – auch, wenn die Schrein-Kletter-Abschnitte durchaus Spaß machen können.
Getrübt wird das Spielerlebnis davon, dass es in GoY diverse Minispiele gibt, die den Dualsense-Controller ausnutzen. Das Spiel kann sich dadurch wie eine Dualsense-Werbung anfühlen. Ich hätte mir hierbei gewünscht, dass man mehr Polish auf die Steuerung insgesamt legt. Neben den Problemen im Freeflow-Combat gibt es nämlich auch bei den Kletterpartien Probleme, denn es reicht mitunter nicht aus, den Analogstick nicht nur nach oben zu drücken; mitunter muss man ihn ein µ nach rechts oder links bewegen, um voran zu kommen, was den Spielfluss stört. Glücklicherweise kann man zumindest die Flut an Minispielen per Tastendruck überspringen.
3. Fazit
GoY ist das nächste große cineastische Blockbuster-Spiel von Sony. Die Story ist in einem solchen Spiel der wichtigste Punkt und kann hier leider – zumindest meiner Meinung nach – nicht überzeugen. Auch das Gameplay hat sich nicht qualitativ weiterentwickelt und wird in Teilen sogar von Spielen wie ACS oder RotR übertroffen. Für mich persönlich kommt GoY daher nur auf eine 7,5/10.
36 Antworten
0 Multizitat
So und nun einen guten Neustart! @Raizel vielen Dank für dein Review 
Ich habe selten so eine Dissonanz in einem Review gesehen, wie in diesem. Der ganze Text liest sich vor lauter Kritik nahe am Rant, weil Gameplay schlechter als AC Shadows, Openworld schlechter als GoT, Story schlecht, Atsu schlecht, dies schlecht, das schlecht und am Ende steht 7.5/10...
7.5 ist überdurchschnittlich gut, aber ich lese nirgends im Text, was es denn dann so gut macht, weil anscheinend hast du ja der Wertung entsprechend auch viel Spaß gehabt.
Davon ab, ordnest du dann AC Shadows bei 8 oder 9/10 ein?
Ich verstehe nicht, wo die Dissonanz sein soll. 7,5 ist in der Reviewlandschaft definitiv keine "überdurchschnittlich" gute Bewertung, sondern eher Mittelmaß. GoY ist ein komplexes und handwerklich gut gemachtes Spiel, dem man einfach nichts unter einer bzw. eine 5/10 geben kann. Der Bereich ist für simple Spiele, die zudem nicht sonderlich gut sind, reserviert - oder eben für (partielle) Totalschäden. Alanah Pearce hat das in diesem Video hier ganz gut beschrieben: Ich habe auch nicht geschrieben, dass das Gameplay schlechter als ACS sei. Ich habe erwähnt, dass Teile des Gameplays schlechter sind - namentlich der Stealth-Part, weil Gegner in GoY nun einmal keine 3D-Sicht haben. Den Aspekt hat ACS - und das muss man anerkennen - einfach besser gelöst, was für immersiveres Gameplay sorgt. Die Open World in GoY ist mir persönlich - zumindest insbesondere der große Teil, in dem man anfängt - zu groß und zu bloated. Wäre der Abschnitt eher kompakter gestaltet wie die anderen Kartenabschnitte, hätte mir das wohl eher gefallen. Trotzdessen bleibt es dabei, dass GoY eine ziemlich durchschnittliche Open World bietet mit den üblichen Open-World-Aktivitäten. Darüber, ob sie besser ist als die von GoT, kann man streiten. Ich habe im Review lediglich geschrieben, dass ich die Open World von GoT im stilistischen Sinne besser finde; genauso viel Bloat wie die von GoY bietet sie jedoch ebenfalls. Die Story des Spiels ist m.E. nach der schwächste Punkt des Spiels und tatsächlich unterdurchschnittlich erzählt. Warum die Story m.E. nicht überzeugt, habe ich insbesondere im Spoiler beschrieben. Wenn du das anders siehst, ist das dein gutes Recht. Wie bereits erwähnt: Vielleicht bin ich hier in diesem Jahr zu sehr von guten Geschichten à la Clair Obscur verwöhnt worden; GoY holt mich jedenfalls nicht ab. Hatte ich dennoch Spaß mit dem Spiel? Ja. Für Hirn aus / Popcorn-Unterhaltung reicht das Spiel aus. Dennoch hatte ich wirklich Phasen beim Spielen, in denen mir die Lust am Spiel doch stark vergangen ist, weil sich das Spiel - auch dank des Bloats und der uninteressanten Story - stark gezogen hat. ACS ist bei mir im Übrigen - siehe hierzu auch gern meine Beiträge im Screenshot-Thread auf PCGH - bei einer 6/10 gelandet, weil das Spiel deutlich erheblichere Schwächen hat als GoY.Ich habe selten so eine Dissonanz in einem Review gesehen, wie in diesem. Der ganze Text liest sich vor lauter Kritik nahe am Rant, weil Gameplay schlechter als AC Shadows, Openworld schlechter als GoT, Story schlecht, Atsu schlecht, dies schlecht, das schlecht und am Ende steht 7.5/10... 7.5 ist überdurchschnittlich gut, aber ich lese nirgends im Text, was es denn dann so gut macht, weil anscheinend hast du ja der Wertung entsprechend auch viel Spaß gehabt. Davon ab, ordnest du dann AC Shadows bei 8 oder 9/10 ein?
5/10 ist Durchschnitt. Sehr seltsames Verständnis von Skalierung, wo eine 7 Durchschnitt ist.
Es gibt sowieso für mich nur einen Helden und das ist Jin Sakai! 
Das sehe ich halt anders und verweise hierbei gern noch einmal auf das - empfehlenswerte - Video von Alanah.5/10 ist Durchschnitt. Sehr seltsames Verständnis von Skalierung, wo eine 7 Durchschnitt ist.
Das hab ich ja noch nie gehört, wozu dann ein 10er System, wäre da ein 5er System nicht sinnvoller? 5/10 (partieller) Totalausfall, was soll denn da dann noch groß darunter fallen? Völlig absurd.
Es ist doch in Ordnung, wenn es jeder anders sieht. Ich kann mich noch erinnern, dass für Raizel Silent Hill f ein sehr gutes Spiel war! Für mich ist es aktuell eine große Enttäuschung die ich beendet habe. Daher schreibt doch, was euch besonders gut gefallen hat in GoY und lasst uns über andere Meinungen diskutieren 
Mir ist ehrlich gesagt egal, was irgendein Influencer auf YouTube über Zahlen denkt. Es gibt globale allgemeingültige Ordnungen bei Zahlen und gerade das ist sowas von faktisch. Wenn 10 die Maximalnote ist, dann ist alles über 5 überdurchschnittlich. Punkt. Sorry, aber wie kann man so etwas rein rational faktisches ignorieren.Video von Alanah.
Damit hast du aber den gesamten Gaming-Journalismus und sogar die Spielerschaft gegen dich. Selbst bei den User-Scores bekommt ein ACS bspw. noch eine rund 6/10 und ein Pokemon ZA eine rund 5/10. Das hat nichts mit der Ansicht irgendwelcher Influencer zu tun, sondern mit der Lebensrealität. Kann man das kritisieren? Natürlich. Dennoch ist das nun einmal der Status Quo und wenn ich ein Spiel fair bewerten möchte, sollte ich mich zwangsweise an diesen Status Quo halten, damit bei den Lesern kein falscher Eindruck aufkommt. Wie gesagt: GoY ist nicht schlecht, hat aber seine Schwächen.Mir ist ehrlich gesagt egal, was irgendein Influencer auf YouTube über Zahlen denkt. Es gibt globale allgemeingültige Ordnungen bei Zahlen und gerade das ist sowas von faktisch. Wenn 10 die Maximalnote ist, dann ist alles über 5 überdurchschnittlich. Punkt. Sorry, aber wie kann man so etwas rein rational faktisches ignorieren.
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