Verfallen - Eine kleine, musikalische Gothic Novel

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I mog Di!

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Es gibt Musikalben, die hört man.
Und es gibt Musikalben, deren Geschichten eine unwiderstehliche Sogwirkung entfalten.
Der „Verfallen“-Zyklus von ASP gehört für mich zu dieser Kategorie.

Den möchte ich den Horror- und Mysteryfans unter euch gerne näher bringen,
und habe versucht, die Stimmung der Alben in Bilder zu übersetzen.
Kein „Erklären“, sondern eher ein Festhalten von Stimmung, Momenten und Perspektiven.

Ich werde das Ganze hier in kleinen, sinnvollen Abschnitten posten -
immer ein paar Songs zusammen, mit jeweils einem Bild.

Vielleicht funktioniert es ja auch für euch.
Vielleicht seht ihr etwas völlig anderes darin.
Ich bin äußerst gespannt, was dem erwächst.


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Mach's gut Berlin

Mach´s gut Berlin.webp


Ein neuer Name und nagelneue Kleidung
Und beides trug ein anderer Mann vor mir, es tut mir leid…
Nie mehr Berlin, so lautet die Entscheidung
Ich hab gehört, Leipzig sei schön in dieser Jahreszeit

Mein Koffer will nicht zum neuen Leben passen
Zerschliss'nes Leder und ein abgebroch'ner Schnappverschluss
Er würde noch so vieles in sich fassen
"Wer nichts besitzt, der hat auch nichts, was er vermissen muss!"

Mein letztes Geld geht weg für eine Zugfahrkarte
Es hält mich nichts in der geliebt-gehassten Stadt
Nun steh ich hier am Bahnsteig, schau mich um und warte
Ich will nur fort und hoffe, es geht alles glatt

Berlin, adieu! Verflucht, du brachtest mir kein Glück!
Ich lass so viel an toter Zeit mit dir zurück
Verlier'n konnt ich mich gut in dir, anstatt mich hier zu finden
Ich hass dich nicht zu sehr dafür, ich muss verschwinden

Hier auf den Straßen, so viele fremde Leute!
In diesen Tagen ist bald jeder zweite heimatlos
So mancher Blick, der jeden Augenkontakt scheute
Die Chance, dass jemand mich erkennt, ist nicht besonders groß

Die halbe Welt lag viel zu lange schon in Trümmern
Ich will nur, dass sie mir einmal zu Füßen liegt
Um Krieg und Frieden soll'n sich nur die Großen kümmern
Ich lass nicht zu, dass dieses Leben mich besiegt

Berlin, adieu! Verflucht, du brachtest mir kein Glück!
Ich lass so viel an toter Zeit mit dir zurück
Verlier'n konnt ich mich gut in dir, anstatt mich hier zu finden
Ich hass dich nicht zu sehr dafür, ich muss verschwinden

Ich schmeck die Luft und spür: Ich war noch nie bereiter!
Es ist so laut, wir schreiben 1919
Wir sind modern, der Fortschritt bringt uns alle weiter
Ich nehme meinen Hut, nun ist es zeit zu gehen!

Berlin, adieu! Verflucht, du brachtest mir kein Glück!
Ich lass so viel an toter Zeit mit dir zurück
Verlier'n konnt ich mich gut in dir, anstatt mich hier zu finden
Ich hass dich nicht zu sehr dafür, ich muss verschwinden

Berlin, adieu, verflucht, du brachtest mir kein Glück!
Ich lass so viel an toter Zeit mit dir zurück
Berlin, adieu, du feine Dame und Moloch!
Mach's gut, Berlin, vielleicht vermiss ich dich ja doch

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Ich nenne mich Paul

Ich nenne mich Paul.webp



Ich nenn mich flüsternd Paul. Der Name steht mir blendend
Der Zug fährt schnell, die Landschaft zieht an mir vorbei
Ich lass mich treiben, etwas Tag als Traum verschwendend
Trotz dritter Klasse fühle ich mich reich und frei

Ich stell' mir vor, wie ich am Hauptbahnhof aussteige
In Leipzig wird die ganze Welt mir offensteh'n
Ich will mich nur noch von der besten Seite zeigen
Ich lasse keinen Tag mehr ungenutzt vergeh'n

Ich will das Gute nicht mehr länger nur aufschieben
Ich komm voran ab heute und geh nicht zurück
Ich denk bei mir, heut wär ein Tag, mich zu verlieben
Vielleicht erwartet mich dort schon das große Glück?

Womöglich in die erste Frau, die mir begegnet?
Ich lächle, und ich schwör, ich werde offen sein
Es ist mir gleich, ob es in Leipzig heute regnet
Denn wo ich hinkomm, herrscht von nun an Sonnenschein

Und der Anhalter Bahnhof ist schon längst verschwunden
Er stürzt im Kopf bereits ans Ende dieser Welt
So schnell zerschmolzen im Gedöse mir die Stunden
Doch werd ich wach sein, wenn der Zug gleich endlich hält

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Baukörper

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Das Erste, was ich sehe, als ich aus dem Bahnhof trete
Auf den großen Platz davor, ist keine Frau
Stattdessen fällt mein Blick direkt auf einen wunderschönen
Großen und auch äußerst luxuriösen Bau
Er wirkt auf mich wie ein Palast, nein, wie ein Tempel einer
Längst vergess'nen Gottheit, wie er da so steht
Ich seh mich selbst als Automaten, der wie ferngesteuert
Ganz mechanisch auf ein Heiligtum zugeht

Ein Wagenmeister steht am Eingang, der mit wohlgeübter Geste
Pagen mit Gepäck ins Innere schickt
Die Menschen um mich nehme ich nun kaum noch wahr
Ich bin von dieser Szenerie verzaubert und entzückt
Chauffeure halten Türen auf an den Automobilen
Gäste reisen an und andere Gäste ab
Die fein herausgeputzten Damen steigen ein und aus
Und noble Herren nicken freundlich, aber knapp.

Ich fühl mich wie ein Gläubiger, der beim Betrachten
Eines Doms beseelt auf seinen Knien dem Schöpfer dankt
Ich hör mich selbst den Namen kosten, der geschmackvoll
Und in großen Lettern über mir am Eingang prankt
In meiner Brust, da wächst ein tiefes Sehnen
Und schlagartig wird mir klar: An diesen Ort gehör ich hin
Ich finde einen Weg, ich will und muss hinein
Ich weiß, sonst hat mein ganzes Leben nie mehr einen Sinn.

Ich spüre ganz genau, heut ist mein Glückstag
Und mit mir wird etwas Großes und Besonderes passieren
Ich prüfe, wie mein Anzug sitzt, und gehe um den Block
Herum, es muss ein zweiter Eingang existieren
Da ist die Tür, hier strömen die Bediensteten und
Lieferanten ständig wie Insekten ein und aus
Die Schwelle lädt mich ein, und so betrete ich
Zum allerersten Mal das große, wunderbare Haus

Ich fühle mich nicht mal eine Sekunde lang als Eindringling
Was mich in meinem Wissen nur bestärkt
Ich bin da angekommen, wo ich hingehör
Ich bleib in dem geschäftigen Betrieb fast unbemerkt
Es werde händeringend ein Ersatz gesucht, die Stelle
Eines Hausmeisters ist erst seit kurzem frei
Der Vorgänger, so sagt man mir, sei unglücklich gefallen
Und er brach sich leider das Genick dabei

Nur wenige Gespräche und ganz viele Flunkereien später
Bin ich im Hotel fest angestellt
Auf Probe nur, fürs erste, dennoch fühle ich mich
Wie der größte Glückspilz auf der ganzen weiten Welt
Ich denke, welch ein wundervoller Zufall
Laut bemerke ich jedoch: "Welch ein bedauernswerter Tropf!"
Ich arbeite ab jetzt im Paradies und hab zum ersten Mal
Seit langem auch ein Dach über dem Kopf



Vergessen ist die Somme, vergessen ist Versailles
Vergessen ist die Not, das alles liegt weit hinter mir
Ab morgen bin ich ein ganz neuer Mensch, hab Perspektiven
Und ich wünsche mir, ich blieb für immer hier.

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Astoria Verfallen

Astoria verfallen.webp


Zum ersten Mal fühl ich mich irgendwo geborgen
Das Gefühl von Heimat war mir unbekannt
Auch deine Wünsche machen mir nur wenig Sorgen
Denn keiner merkt jemals, was über Nacht verschwand

Die Welt dort draußen, sie verblasst
Ich gehe nur noch ungern raus
Hab ich sie immer schon gehasst?
Ich fühl mich nur in dir zu Haus!

Astoria - du bist der schönste Stern von allen
Wie du meine Welt erhellst!
Astoria - für immer bin ich dir verfallen
Weil du alles andere in den Schatten stellst

Oh, du erscheinst mir so geheimnisvoll betörend
Ich wünschte, jemand könnte dich so sehen wie ich
Mag sein, so mancher Mann empfände als verstörend
Was du verlangst, doch du verlässt dich ganz auf mich

Du hebst mein kleines Licht empor
Und machst daraus auch keinen Hehl
Du flüsterst ständig in mein Ohr
Und jeder Wunsch ist mir Befehl

Astoria - du bist der schönste Stern von allen
Wie du meine Welt erhellst!
Astoria - für immer bin ich dir verfallen
Weil du alles andere in den Schatten stellst

Du hauchst: "Komm tiefer, tiefer, bitte!"
Ja, ich tu, was du verlangst
Du lenkst so sicher meine Schritte
Zwischen Euphorie und Angst
Du führst mich an geheime Stellen
Du weißt, was und wie du's willst
Schöpfst Energie aus deinen Quellen
Weißt, wie du deinen Hunger stillst

Astoria...
Astoria - du bist der schönste Stern von allen
Und nur ich bin auserwählt
Astoria - für immer bin ich dir verfallen
Bis nichts anderes mehr zählt

Astoria, oh meine Schöne, dass du mir ja nicht verfällst!
Astoria, oh meine Schöne, dass du mir ja nicht verfällst!

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