Vor Kurzem ist Ace Combat 8: Wings of Theve erschienen – der achte Hauptteil einer der langlebigsten Konsolen-Spielreihen, die 1995 als Air Combat auf der ersten PlayStation ihren Anfang nahm. Doch was ist Ace Combat? Ace Combat ist ein Combat Flight Simulation Game – wobei „Simulation“ nur grob gemeint ist, denn das Spiel erlaubt Manöver, bei denen selbst Top Gun neidisch werden könnte. Beispiele gefällig? Spektakuläre 360°-Manöver (sog. Kulbit)? Check. Spektakuläre Post-Stall-Manöver („PSM“)? Check. Rückwärts durch einen Autobahntunnel fliegen? Check! In Combat und chained sieht das alles noch beeindruckender aus. Wer braucht schon Physik? Wie passend, dass die Spielwelt in Ace Combat Strangereal heißt. Das actiongeladene Gameplay verbindet sich dabei mit Anime-artigen Militär- und Kriegs(melo)dramen, die bisweilen erfreulich an Metal Gear erinnern und in denen man sich im Laufe der Story zum „Ace“, zum „Pilot Jesus“ entwickelt. Mein letzter Kontakt mit der Reihe war auf der PS2, da der Entwickler 2007 mit Ace Combat 6 leider von der PlayStation- zur Xbox-Exklusivität wechselte. Umso mehr habe ich mich auf den neuesten Teil gefreut. Bislang habe ich ausschließlich die Kampagne gespielt; Ace Combat Online habe ich noch nicht ausprobiert.
I. Story
In Ace Combat 8 kämpfen wir aufseiten der Federation of Central Usea (FCU), die sich einem Eroberungskrieg der Republic of Sotoa gegenübersieht. Die FCU ist erst vor Kurzem aus einem Krieg zwischen useanischen Staaten hervorgegangen und leidet unter dessen Nachwehen sowie wirtschaftlichen Problemen – im übertragenen Sinn erinnert das an Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Sotoa, eine Nation nomadischer Stämme jenseits des östlich gelegenen Meeres, setzte auf massive Industrialisierung, um seine militärische Macht auszubauen. Die Folgen waren verheerend: Das einst fruchtbare Land wurde weitgehend zur Wüste, sodass nur noch die Expansion durch Krieg als Ausweg blieb.
Die Handlung setzt nach der Eroberung von Theve, der Hauptstadt der FCU, ein. Als stummer Protagonist werden wir von einem Rettungsboot aus dem Meer geborgen und an Bord des Flugzeugträgers Endurance gebracht. Aufgrund akuten Personalmangels wird praktisch jeder verpflichtet und wir selbst werden Waffensystemoffizier – der zweite Mann im Cockpit – von Jan „Rex“ Cope. Nach der Evakuierung von Theve wird Cope als „Wings of Theve“ verehrt. Seine tatsächlichen Leistungen werden durch Informationskriegführung, Desinformation und soziale Medien jedoch maßlos überhöht, um ihn zum Kriegshelden zu stilisieren, obwohl seine Einheit vor allem auf Rückzug und die Vermeidung weiterer Kämpfe bedacht ist. Gleich im ersten Einsatz werden Cope und wir von „Shadow 22“, einem Ace Pilot der sotoanischen Eliteeinheiten Lux Lunae, abgeschossen. Wir stürzen ins Meer: Cope stirbt, wir selbst überleben jedoch und können noch seine Dog Tags ergreifen. Da die FCU-Führung den Verlust ihres gefeierten Kriegshelden aus moralischen Gründen nicht akzeptieren kann, übernehmen wir sein Callsign und werden zum neuen „Rex“. Besonders cool hierbei: Copes kriegsmüder Geist begleitet uns fortan und kommentiert das Geschehen.
Als neuer Rex ziehen wir in den Verteidigungskrieg gegen Sotoa – an der Seite unserer Wingmen Baxter („Professor“), eines ehemaligen Universitätsprofessors, Coster („Noise“), eines Rockmusikers, sowie der Stuntpilotin Severskaya („Tasha“). Letztere dürfte vielen bereits aus dem Promo-Material bekannt sein: die junge Dame mit den pinken Haaren. Die FCU steht unter Zeitdruck. Es droht, dass die Großmächte Yuktobania und Osea aus Eigeninteresse in den Konflikt eingreifen und ihn weiter eskalieren lassen – grob gesagt handelt es sich hierbei um die Pendants zu den Staaten des Warschauer Pakts einerseits und den USA andererseits. Als „Singularity“, also als Pilot, der den Verlauf ganzer Kriege verändern kann, sind wir dieser Aufgabe allerdings gewachsen. Das zeigt sich bereits in Mission drei, in der man von einer Einheit der Lux Lunae angegriffen und von Tasha „Is it time to run, Ray?“ gefragt wird. Unsere Antwort – „No“ – verwundert nicht nur unsere Wingmen, sie markiert auch den Wendepunkt des Krieges.
Die Geschichte entfaltet sich in Cutscenes, Pre-Mission-Briefings und während der Einsätze. Gemeinsame Erlebnisse stärken die Bindung zu den eigenen Kameraden. Über den Funk wird zugleich die Brutalität und der Terror des Krieges spürbar, besonders wenn Verbündete in akute Gefahr geraten und dem Tod ins Auge blicken. Dasselbe gilt für die Gegner, die ebenfalls über Funk präsent sind. Die intensiven Dogfights lassen gegenseitige Anerkennung und Respekt entstehen – bisweilen ist es beinahe schade, einen gegnerischen Elitepiloten zu besiegen.
Mich haben sowohl die Story, die Charaktere als auch die Themen überzeugt: Hoffnung, Kameradschaft und Heldentum stehen neben Informationskriegführung, Desinformation und dem Einfluss von Unternehmensinteressen auf Kriege. Ein Schwachpunkt sind gelegentlich die recht langen, wenn nicht mitunter zu langen Missionsbriefings. Zwar lassen sie sich überspringen, enthalten aber wichtige Informationen zu den Missionszielen.
II. Gameplay
Wie bereits erwähnt, ist Ace Combat eine Combat Flight Simulation, die jedoch realistisches Flugverhalten zugunsten des Tempos und der Action opfert. Das sorgt dafür, dass das Spiel eine sehr hohe Skill Ceiling hat und motiviert dazu, die eigenen Fähigkeiten kontinuierlich zu verbessern. Dazu passt der arcadeartige Aufbau des Spiels: Die Kampagne umfasst 30 Missionen, für die man abhängig von der erzielten Punktzahl Ränge erhält. Das Erfüllen versteckter objectives kann zudem zusätzliche versteckte Aces als Gegner freischalten. Die verdienten Punkte investiert man in neue Flugzeuge und Upgrades – gute Leistungen beschleunigen also den Progress. Die Missionen reichen von klassischen Luftkämpfen und Dogfights über Eskort- und Luftunterstützungsmissionen bis hin zu Präzisionsflügen und Gefechten gegen High-Tech-Superwaffen (etwa massive Landkriegsschiffe) – und Kombinationen daraus.
Das Gameplay ist für mich eine der großen Stärken des Spiels. Besonders intensiv wird es, wenn Missile Warnings pausenlos auf einen einhageln und gegnerische Jets Jagd auf einen machen. Dann bleibt kaum Zeit, den Blick vom Kampfgeschehen abzuwenden. Am meisten Spaß machen die Luftkämpfe, insbesondere die Dogfights gegen gegnerische Eliteeinheiten – von diesen hätte es gern mehr geben dürfen. Einige Siegbedingungen sind allerdings sehr knapp bemessen und können unnötig streng wirken. Auch die Abfolge der letzten beiden Missionen wirkt etwas ungewöhnlich: Mission 29 war für mich spielerisch, erzählerisch und emotional der Höhepunkt. Mission 30 fühlte sich eher wie ein gelungenes Extra als wie ein echtes Finale an.
Die Briefings und den Funkverkehr sollte man aufmerksam verfolgen, denn Questmarker und andere Formen des Händchenhaltens gibt es nicht. Das halte ich für einen Vorteil: Das Spiel verlangt Aufmerksamkeit und gewinnt dadurch an Immersion. Normalerweise lasse ich beim Spielen gern Inhalte auf einem zweiten Monitor laufen, etwa YouTube oder Twitch. Bei Ace Combat 8 musste ich mich dagegen gerade in den chaotischen Gefechten voll auf das Spiel konzentrieren. Das ist für mich ein großer Pluspunkt.
III. Sound Design und Soundtrack
Das Sound Design ist erstklassig: Raketenexplosionen, das Aufheulen der Triebwerke, der Einschlag von Regentropfen auf dem Cockpit und das Brechen und Schneiden des Windes klingen überzeugend und tragen viel zur Immersion bei. Noch stärker ist allerdings der Soundtrack. Die Reihe ist seit jeher für ihre großartige Musik bekannt, die sich mühelos mit den Größen des Mediums wie etwa Koji Kondo (The Legend of Zelda) oder Nobuo Uematsu (Final Fantasy) messen kann. Der Soundtrack von Ace Combat 8 verbindet Rock, Metal und klassische Musik. Seine großen Höhepunkte erinnern mitunter an Two Steps From Hell oder Thomas Bergersen. Meine Lieblingsstücke sind hierbei…
Everflow
…und…
Hortus Regis Alti
…die ich nur empfehlen kann. Wie bei jedem herausragenden Soundtrack entwickeln sich manche Stücke zu echten Ohrwürmern, die ich immer wieder hören könnte. Gerade die beiden vorgenannten Titel höre ich derzeit mehrmals täglich. Sie vermitteln Erhabenheit und Freiheit und fügen sich hervorragend ins Spiel ein. Besonders gelungen ist die dynamische Einbindung: Die Bestandteile der Songs fügen sich passend ins Geschehen ein. Ein Chorus wird bspw. nicht in einer ruhigen Leerlaufphase platziert. Das können sich andere Titel gern zum Vorbild nehmen. Ebenfalls stark ist das sich wandelnde Thema der Shadows, der gegnerischen Eliteeinheiten. Es wird an die jeweilige Einheit und den jeweiligen Punkt in der Geschichte angepasst und wird stets durch den Kriegsgesang der Gegner eingeleitet, der auch schon im Promo-Material zu hören ist.
IV. Technik
Das Spiel basiert auf der UE 5 und kann daher einige der für UE5 typischen Probleme mit sich bringen. Auf meinem System mit Ryzen 7 5800X3D und RTX 4080 lief es jedoch weitgehend flüssig: Bei 2160p und DLSS im Balanced-Modus und FG-Auto erreichte ich bis zu 120 FPS. Eine Option zur Auswahl des Ausgabedisplays fehlt leider – gerade bei Multi-Monitor-Setups ist eine solche Option außerordentlich nützlich. Immerhin lässt sich das Problem anders als in manch anderem Spiel unkompliziert mit Alt+Enter lösen, ohne dass sich die Grafikeinstellungen ändern. Optisch ist das Spiel beeindruckend. Ich kann mich – so absurd das klingen mag – kaum erinnern, je schönere Wolken gesehen zu haben; besonders die Szenen oberhalb der Wolkendecke bei Sonnenauf- und -untergang sind atemberaubend. Auch das Schadensmodell überzeugt: Trümmer beschädigter oder zerstörter Flugzeuge können andere Maschinen und sogar das eigene Flugzeug treffen.
V. Fazit
Nachdem mich die Open-World-Abschnitte von Onimusha und Control Resonant mit ihrem Bloat etwas verloren hatten, war die Pause davon zugunsten von Ace Combat 8 eine ausgezeichnete Entscheidung. Das Spiel hat mir enorm viel Spaß gemacht und mich regelmäßig davon abgehalten, den Controller aus der Hand zu legen. Für mich ist es bislang das beste Spiel des Jahres und verdient eine sehr starke 9/10. Wären nicht bereits weitere Titel eingeplant – darunter Star Wars: Galactic Racer, Control Resonant und Onimusha –, würde ich mich wohl direkt in ältere Ace-Combat-Teile stürzen. Ich hoffe, dass das Spiel den Erfolg bekommt, den es verdient, und freue mich schon auf den nächsten Teil. Der darf gern so ungewöhnlich ausfallen wie Ace Combat 3: Electrosphere, dessen verzweigte Story-Pfade es erzählerisch durchaus mit Hideo Kojima aufnehmen können.
Die Reihe bedient zwar eine Nische und dürfte deshalb für viele Spieler weder infrage kommen noch ein GOTY-Kandidat sein. Der Soundtrack allein hätte einen solchen Titel für mich allerdings mit Leichtigkeit verdient. Trotzdem kann ich Ace Combat 8 uneingeschränkt empfehlen: Die Geschichte ist in sich abgeschlossen, Vorkenntnisse aus den Vorgängern sind nicht nötig. Interessierten kann ich den Kauf über einen Keyseller ans Herz legen: Dort sind mitunter noch Steam-Keys mit Preorder-Bonus erhältlich. Dieser umfasst nicht nur ein zusätzliches Flugzeug, sondern auch eine Portierung von Ace Combat Zero – einem der meistgeschätzten Teile der Reihe.
VI. Screenshots




















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