Ich habe a) sogar vergessen, dass Sophia in Requiem dabei war und b) checke ich immer noch nicht, was diese Macula ist.
Trotzdem geiles Game
Ich hab mal drüber reflektiert, da ich Teil 1 & 2 vor Resonance (zum 4. und 3. Mal) erneut gespielt habe, hab ich die Zusammenhänge frisch im Gedächtnis und versuche mich hier mal an einer Erklärung und erzähle euch simultan, was ich daran so interessant finde *räusper*:
Die Prima Macula: Zwischen Fiktion und Realität
Die „A Plague Tale“ Reihe verbindet historische Ereignisse des europäischen Mittelalters mit einer übernatürlichen Geschichte. Im Mittelpunkt steht die sogenannte
Prima Macula, eine geheimnisvolle Kraft, die mit Krankheit, Blut, Ratten und bestimmten menschlichen Trägern verbunden ist. Obwohl die Macula vollständig der Fiktion der Spielwelt entstammt, orientiert sich ihre Darstellung an damaligen, realen Vorstellungen über die Pest, mittelalterlicher Medizin und biologischer Übertragungswege.
Die große Pest des 14. Jahrhunderts, die heute als Schwarzer Tod bekannt ist, wurde tatsächlich durch das Bakterium
Yersinia pestis verursacht. Die Krankheit konnte insbesondere über Flöhe übertragen werden, die zuvor infizierte Nagetiere gestochen hatten. Dadurch entstand eine Verbindung zwischen Nagetieren, Flöhen und Menschen. Genau diese historische Verbindung greift „A Plague Tale“ auf und macht Ratten, die im mittelalterlichen Europa aufgrund der damaligen Lebens- und Siedlungsbedingungen weit verbreitet waren, zu einem zentralen Element seiner Geschichte.“
Die Ratten in den Spielen sind jedoch nicht einfach realistische Überträger der Pest. Sie sind vielmehr eine sichtbare Manifestation der Prima Macula. Die Macula befindet sich im Blut bestimmter Menschen und kann innerhalb bestimmter Familien weitergegeben werden. Menschen, die diese Kraft in sich tragen, werden als Träger bezeichnet. Zu ihnen gehört Hugo de Rune.
Mit dem Erwachen der Macula entwickelt Hugo eine immer stärkere Verbindung zu den Ratten. Er kann ihre Anwesenheit wahrnehmen und schließlich sogar Einfluss auf sie nehmen. Dadurch wird aus der ursprünglichen Krankheit ein übernatürliches Phänomen. Die Ratten erscheinen nicht mehr nur als Tiere, die Krankheit verbreiten, sondern beinahe wie ein einziger kollektiver Organismus, mit dem der Träger kommunizieren kann.
Diese Vorstellung besitzt eine interessante, wenn auch sehr entfernte Parallele zur Realität. Ratten leben in komplexen sozialen Strukturen und können aufeinander reagieren und sich in größeren Gruppen koordiniert bewegen. Ein solcher Schwarm kann dadurch wie ein gemeinsames System wirken. Die Spiele übertragen dieses reale Verhalten in eine fantastische Vorstellung: Der Träger kann gewissermaßen auf dieses kollektive Verhalten zugreifen und den Schwarm lenken.
Auch die Verbindung zwischen der Macula und dem Blut erinnert an historische Vorstellungen über Krankheiten. Im Mittelalter waren die biologischen Ursachen von Infektionen unbekannt. Menschen erklärten Krankheiten unter anderem mit der Vorstellung von verdorbenen Körpersäften, schlechter Luft, Vergiftungen oder einer allgemeinen Verunreinigung des Körpers. Die moderne Medizin weiß dagegen, dass die Pest durch einen konkreten Krankheitserreger verursacht wird. Die Macula übernimmt in der Spielwelt eine ähnliche Funktion wie ein unsichtbarer Krankheitserreger, geht aber weit über biologische Vorgänge hinaus.
Besonders interessant ist die Idee des Trägers. Die Macula wird nicht einfach durch eine gewöhnliche Infektion weitergegeben. Sie ist mit einer Blutlinie verbunden und kann von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Hier entsteht eine entfernte Parallele zu realen erblichen Krankheiten. Allerdings darf man diese Verbindung nicht wörtlich verstehen: Die Pest selbst wird nicht genetisch von Eltern auf ihre Kinder übertragen. Ein Mensch wird nicht deshalb mit Yersinia pestis infiziert, weil seine Eltern die Krankheit hatten. Die Macula kombiniert vielmehr Elemente einer Erbkrankheit mit denen einer Infektion und einer übernatürlichen Symbiose.
Die Geschichte der Prima Macula reicht außerdem wesentlich weiter zurück als die Lebenszeit von Hugo. In „A Plague Tale: Requiem“ wird deutlich, dass Hugo nicht der erste Träger ist. Vor ihm existierten bereits andere Menschen, die mit der Macula verbunden waren. Besonders die Geschichten von Aelia und Basilius zeigen, dass sich das Phänomen über lange Zeiträume, in Zyklen von etwa 800 Jahren, wiederholt. Ein Träger erscheint, die Verbindung zur Macula erwacht, Ratten und Seuchen breiten sich aus und schließlich kommt es zu einer Katastrophe.
Dadurch erhält die Macula den Charakter eines wiederkehrenden Kreislaufs. Dieser erinnert in gewisser Weise an die Realität historischer Epidemien. Auch reale Seuchen können in Wellen auftreten: Ein Erreger breitet sich aus, erreicht einen Höhepunkt und geht anschließend wieder zurück. Die Spiele machen aus diesem biologischen Prinzip jedoch einen übernatürlichen Kreislauf, der an bestimmte Träger gebunden ist.
Die reale Welt liefert dabei die Grundlage: Ratten, Flöhe, Krankheit, Blut, Epidemien und die Angst der Menschen vor einer unsichtbaren Ursache. Die Macula erweitert diese Elemente um eine übernatürliche Ebene. Der Träger wird zur Schnittstelle zwischen Mensch und Krankheit, zwischen menschlichem Bewusstsein und Rattenschwarm.
Man kann die Funktion der Macula daher vereinfacht so beschreiben:
Die Pest bildet den biologischen Hintergrund, die Macula das übernatürliche Prinzip, der Träger die Verbindung zwischen beiden und die Ratten das sichtbare Werkzeug dieser Verbindung.
Gerade dadurch funktioniert die Geschichte von Hugo so gut. Er ist nicht einfach ein Kind, das an einer Krankheit leidet. Er ist gleichzeitig Patient, Träger und Verbindungspunkt zu einer Macht, die wesentlich größer ist als er selbst. Seine Krankheit ist deshalb nicht nur eine medizinische Bedrohung, sondern auch eine Gefahr für seine Umgebung.
Auch hier gibt es eine entfernte Parallele zur realen Medizin. Menschen können Krankheitserreger in sich tragen, ohne sofort schwer oder überhaupt sichtbar zu erkranken. Solche Träger können unter bestimmten Umständen zur Weiterverbreitung einer Krankheit beitragen. Bei Hugo wird dieses biologische Grundprinzip allerdings in fantastische Dimensionen übertragen: Er trägt nicht nur einen Krankheitserreger, sondern eine Verbindung zu einer übernatürlichen Macht und zu einem riesigen Schwarm.
Mein Fazit:
Für mich lässt sich die Prima Macula als eine Mischung aus mehreren Vorstellungen verstehen: Krankheit, Vererbung, Infektion, parasitäre Symbiose und kollektives Bewusstsein. Keine dieser Komponenten entspricht für sich genommen der Realität. Zusammen erzeugen sie jedoch eine Mythologie, die sich sehr gut in die historische Atmosphäre der Pestzeit einfügt.
Besonders faszinierend daran finde ich, dass die Menschen innerhalb der Spielwelt selbst nicht über das Wissen verfügen, das wir heute über Krankheiten besitzen. Sie versuchen, die Ereignisse mit den Mitteln ihrer Zeit zu erklären: mit Religion, Magie, Medizin und alten Überlieferungen. Das entspricht der historischen Situation insofern, als die Menschen des Mittelalters tatsächlich nicht wussten, dass ein Bakterium die Pest verursachte.
Die „A Plague Tale“ Reihe nutzt diese historische Wissenslücke als Grundlage für ihre eigene Mythologie. Die Frage lautet gewissermaßen: Was wäre, wenn hinter den rätselhaften Seuchen, die die Menschen damals nicht erklären konnten, tatsächlich eine uralte übernatürliche Kraft gestanden hätte? Die Antwort der Spiele ist die Prima Macula.
Die wichtigste Verbindung zwischen Fiktion und Realität liegt nicht darin, dass die Macula eine realistische Erklärung für die Pest wäre. Sie ist es ausdrücklich nicht. Vielmehr nimmt die Reihe reale Bestandteile der Pestgeschichte und setzt sie in einen fantastischen Zusammenhang.
Damit ist die Macula weniger eine alternative wissenschaftliche Erklärung für den Schwarzen Tod als vielmehr eine fantastische Interpretation einer Zeit, in der Krankheit für die Menschen tatsächlich etwas Unbegreifliches und Bedrohliches war. Die Reihe verbindet historische Realität mit Fantasy und macht aus der realen Angst vor einer unsichtbaren Seuche eine Geschichte über Blutlinien, Träger, Ratten und eine uralte Macht.
Gerade diese Verbindung zwischen realer Geschichte und erfundener Mythologie macht die Prima Macula zu einem der interessantesten Elemente von „A Plague Tale“. Sie ist biologisch nicht real, greift aber reale biologische und historische Motive auf. Die Pest des Mittelalters bildet den historischen Boden, auf dem die fantastische Geschichte von Hugo, seinen Vorgängern und der Prima Macula aufgebaut wird.