TOLU II ist definitiv erzählerischer Unsinn.
Erst einmal zur moralischen Debatte um Joel: Joel hat in TLOU II absolut richtig gehandelt. Wir befinden uns in einer Zombie-Apokalypse, in der ein dahergelaufener Wissenschaftler nicht sicher ist, ob der Tod von Ellie auch nur ansatzweise für ein Heilmittel sorgen kann. Kein logisch denkender Mensch würde die Hoffnung auf eine Heilquelle einfach umbringen und eben diese Hoffnung dadurch verlieren, wenn das Umbringen nicht garantiert zu einem Heilmittel führt. Jeder Wissenschaftler, der irgendwie dem medizinischen Bereich entstammt, würde einen anderen Weg suchen, der nicht den Tod des Donors bedeuted. Dass Joel Ellies Leben gerettet hat, war daher völlig verständlich und als Vater auch geboten. Ich hätte in seiner Rolle zu 100% genauso gehandelt. Er ist schlicht und ergreifend seiner väterlichen Verpflichtung Ellie gegenüber nachgekommen.
Warum man ihm starke moralische Verfehlungen vorwirft - insbesondere in einer Zombie-Apokalypse - erschließt sich mir daher nicht. Ich verstehe auch nicht, warum man sich so stark an Ellie's Willen aufhängt. Ellie ist ein pubertierender Teenager, der die Selbstopferungsentscheidung zudem unter falschen Ausgangsinformationen getroffen hat. Eltern sind nun einmal dazu da, um Entscheidungen zu treffen, die dem Wohle des Kindes dienen - auch, wenn diese Entscheidungen gegen den Kindeswillen gehen. Um meinen Lieblingscharakter des letzten Jahres zu zitieren: "Life keeps forcing cruel choices". Ich verstehe auch nicht, warum man einen Elefanten daraus macht, dass Joel Ellie "anlügt". Was hätte er sonst machen sollen? Sie durch die Wahrheit traumatisieren? Joel hatte in der Situation - alle Faktoren und vor Allem das Setting berücksichtigend - recht eindeutig den moralischen High Ground.
Kann ich Abby trotzdem nachvollziehen? Ja, sicher. Dennoch liegen hier zwei völlig verschiedene Ausgangssituationen zugrunde: Während Joel in Selbstverteidigung für Ellie gehandelt hat, haben Abby and Friends eine durchgeplante Exekution veranstaltet, die - wenn man die TV-Serie als canon erachtet - zudem eine ganze Community gefährdet hat. Ich weiß nicht, warum Druckmann genau diese Entscheidung in der TV-Serie getroffen hat, erzählerisch ist sie im Kontext des Spiels aber völlig absurd.
War es dennoch cool, Abby's Seite zu sehen? Ja, sicher. Dennoch hat sich Druckmann mit dem Charakterdesign keinen Gefallen getan. "Anabolika-Abby" passt einfach nicht ins Setting. Die Anstrengungen, die gerade eine Frau unternehmen muss, und die Ressourcen, die dafür zudem notwendig sind, um einen Körperbau wie Abby's instandzuhalten, sind enorm. Das passt einfach nicht in ein Zombie-Apokalypse-Setting. Zudem wird jedem, der irgendwie durch Manga/Anime, Film/Fernsehen oder Literatur auch nur ansatzweise ein wenig Ahnung von Kampfkunst hat, bewusst sein, dass Muskeln über Muskeln nicht unbedingt der beste Bodybuilding-Ansatz für ein Setting sind, in dem Agilität und Flexibilität notwendig sind. Die Charakterwahl in der TV-Serie war deutlich besser, passt deutlich besser ins Setting und sorgt deutlich mehr dafür, dass man dem Charakter wohlgesinnt ist.
Im Verlaufe des Spiels beide Seiten zu sehen war schon gut. Allerdings gab es auch hier erzählerische Probleme - insbesondere die folgenden zwei:
Einerseits fehlt der Story durch den Tod von Joel einfach ein erwachsener Charatker, der Gravitas ausstrahlt. Die Story verkommt damit zu großen Teilen zu Teenie-Highschool-Drama - auch, wenn dieses sehr brutal ist.
Andererseits wird das Setting vollkommen ad absurdum geführt. Die Zombie-Apokalypse tritt völlig in den Hintergrund, was dafür sorgt, dass die Spielwelt inauthentisch wird.
Dann kommt das Ende... Man kann darüber philosophieren, wie sinnlos der Kreislauf der Rache ist, so viel man will - oder über was auch immer. Das bringt nur nicht viel, wenn man hunderte von Menschen umbringt und dann erst kurz vor Schluss bzw. am Ende der Story aufgibt. Dem Spiel hat mindestens ein Abschnitt gefehlt, indem beide Charaktere einen Introspective Arc bekommen. Entweder hätte man das Spiel länger machen oder - was vielleicht noch besser gewesen wäre - den Highschool-Drama-Part kürzen müssen.
Alles in Allem finde ich die Idee hinter der Story durchaus interessant; die Umsetzung ist aber alles andere als gut.